24.06.20

Zuerst Neugier, dann Erschrecken, dann Mut

Rund 200 Autos und 500 Teilnehmer beim Parkplatz-Gottesdienst

Die rund 200 Autos ließen sich beim Flughafen-Parkplatz-Gottesdienst gut zählen, die Insassen eher nicht, doch es waren je Fahrzeug oft drei und mehr. So waren es geschätzt um die 500 Teilnehmer. Es waren viele fröhliche Teilnehmer, lachend und sich von ferne grüßend.

„Wo ist Gott in Corona-Zeiten? Wir laden ein, Gott dort zu entdecken, wo wir ihn nicht erwarten“, beschrieb Flughafenseelsorger Matthias Hiller das Anliegen der Veranstaltung. Hiller hatte die Idee und holte den katholischen Dekan Paul Magino und den evangelischen Dekan Gunther Seibold mit dazu. Mit auf der Bühne war Matthias Huttner, Antenne 1-Mann für die „Kirche am Sonntagmorgen“. Ein mindestens ebenso wichtiger Partner war Paul Woog, Geschäftsführer des Großveranstalters SKS Michael Russ. „Er war extrem hilfsbereit und kooperativ“, lobte Hiller. Für Woog war das ganz selbstverständlich. „Ihr habt denselben Service bekommen wie alle, ihr seid für uns Stars“, sagte er zu den Kirchenleuten nach dem Gottesdienst. Worauf Hiller entgegnete, man habe in der Zusammenarbeit etwas gelernt und wolle nun alle folgenden Veranstaltungen ebenfalls auf derart professionelle Weise durchführen. Es war wirklich an alles gedacht, sogar an das Glockenläuten am Anfang: Es wurde von der Jakobuskirche in Bernhausen aufgezeichnet und dann kurz vor zehn Uhr eingespielt.

Gar nicht professionell war damals Mose die Befreiung seines Volkes angegangen, er erschlug einen ägyptischen Aufseher und musste fliehen. Dann begegnet Gott dem Schafhirten Mose in der Wüste im brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch. Über diese biblische Erzählung predigte Gottfried Heinzmann, Vorstandsvorsitzender der „Zieglerschen“, davor Leiter des Evangelischen Jugendwerks in Württemberg und nochmals davor Pfarrer in Sielmingen. „Die Bibel ist voll an solchen heiligen Momenten“, sagte er. Muss ich dafür nicht heilig sein? Nein, auch Mose sei alles andere als heilig gewesen. Heinzmann fasste das Erleben von Mose mit „zuerst Neugier, dann Erschrecken, dann Mut“ zusammen.

Die Predigt wurde von mehreren Kurzinterviews unterbrochen. Michaela Krapf berichtete, wie die Wüste in Gestalt der Krankheit des Partners in ihr Leben kam, und dann Gott doch plötzlich da gewesen sei, mittendrin: „Es kam in mich, es kam durch mich.“ Der DRK-Mitarbeiter Melvin Mendritzki berichtete über seine Erfahrungen in der Corona-Quarantäne.

Während des Gottesdienstes auf dem Parkplatz P0 waren drei Starts angekündigt, doch es kam zu keinen größeren Lärmbelastungen. Einmal vermisste ein Teilnehmer seinen Ton, der über die UKW-Frequenz 92,7 MHz in die Autoradios übertragen wurde. Er hatte offensichtlich nicht bedacht, dass sich bei modernen Autos das Radio nach einiger Zeit automatisch ausschalten kann. Bei Bilderbuchwetter wurde es in den Autos mit der Zeit ordentlich warm. „Zum Glück kann man die Fenster aufmachen, und auch mal die Klimaanlage laufen lassen“, sagte ein Teilnehmer. Gehupt wurde nur an einer einzigen Stelle: Als Dankeschön an alle Ordner und „Mesner“, alle anderen Mitarbeiter und Gott. Im Gegensatz zu anderen Gottesdiensten, zumindest derzeit, war beim Parkplatz-Gottesdienst unter dem Motto „Das Heilige im Blechle“ das Mitsingen ausdrücklich erlaubt. Die Texte wurden auf der großen Leinwand eingeblendet. Das Geschehen auf der Bühne wurde mit zwei Kameras eingefangen und mit professioneller Bildregie ebenfalls auf diese Leinwand übertragen.

Was macht man, wenn ein Maskierter neben dem Auto steht und an der langen Stange einen Eimer hinhält? Dann könnte es ratsam sein, zu seiner Beschwichtigung den Geldbeutel zu zücken und sich als „Scheinwerfer“ zu betätigen. Spaß beiseite: Der Opfereimer wurde bei der Ausfahrt nur auf ausdrücklichen Wink herangereicht, und zwar alles andere als aufdringlich. Dennoch war dies vielen Teilnehmern offensichtlich lieber als die ebenfalls angebotene Online-Spende. So oder so, das Geld wird für Projekte für Flüchtlingen auf dem Balkan verwendet.

Am Ende gab es dann noch ein kleines Problem: Zu Beginn hatte LUX Kollektiv gespielt, im zweiten Teil die Band „Beats&Message“. Ihr gefiel es im Nachprogramm so gut, dass sie gar nicht aufhören wollte, und viele Autos mit Insassen blieben einfach da und genossen es. „Wir müssen hoch auf die Bühne und verhindern, dass die ihr gesamtes Programm spielen“, sagte einer der Veranstalter hinter der Bühne – mit einem fetten Schmunzeln.