12.11.20

Man kann in Frieden und gut sterben

Anne Rahlenbeck, die neue evangelische Pfarrerin an der Filderklinik, wurde am Sonntag durch Dekan Seibold in ihr Amt eingesetzt. Sie will dazu beitragen, dass Menschen in Frieden sterben können.

Pfarrerin Anne Rahlenbeck

Die Mitglieder des Besetzungsgremiums

Anne Rahlenbeck (42) wohnt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Neuffen, wo sie bisher als Gemeindepfarrerin gearbeitet hat. In der Filderklinik wird sie Seelsorgerin sein und Gottesdienste in der Filderklinik halten.

Frau Rahlenbeck, fürchten Sie sich vor Ihrer neuen Aufgabe?

Ich fürchte mich nicht, aber ich habe Respekt davor. Das ist ja eine Arbeit, bei der auch Themen zur Sprache kommen, die man im Alltag gerne ausblendet – die Endlichkeit, das Sterben und der Tod. Meine Aufgabe als Seelsorgerin besteht darin, dass ich Menschen den Raum gebe, mit den Gefühlen, die damit zusammenhängen, in Kontakt zu treten und sie auszuleben. Ich bin Ansprechpartnerin für die Angehörigen und für die Betroffenen.

Wie trösten Sie Menschen, die wissen, dass ihr Tod unmittelbar bevorsteht?

Zum einen möchte ich ihnen Zuwendung geben und mit meiner empathischen Kompetenz versuchen, ihnen dabei zu helfen, Gefühle zu zeigen und zu durchleben. Schon die Möglichkeit, seine Angst aussprechen zu können, kann ein Trost sein. Und als evangelische Pfarrerin schöpfe ich aus einer Quelle, die mir über den Tod hinaus Halt gibt: Ich glaube, dass unser Leben kein Zufall ist, sondern dass dahinter Gott steht, eine Kraft, die uns liebt.

In vielen Lebenssituationen wird versucht zu trösten, indem man baldige Besserung in Aussicht stellt. Lässt sich dieses Schema einfach auf den Tod übertragen?

Wenn jemand in manchen Lebenssituationen sagt: „Das wird doch wieder besser“ oder „Kopf hoch“, dann ist das kein Trost, sondern ein Vertrösten. Ich finde, dass es wichtig ist, erst einmal den Schmerz und den Verlust zuzulassen, wenn jemand weiß, dass er bald sterben muss. Da kommt Trauer und vielleicht auch Wut hoch, die man erst einmal aushalten muss. Danach wird man sich vielleicht fragen: Wie stelle ich mir das denn vor? Was kommt denn danach? Vielleicht können auch Menschen, die atheistisch denken, sagen: „Vielleicht ist dann alles vorbei, vielleicht ist dann auch alles gut.“ Vielleicht ist für diese Menschen, die Überzeugung, dass danach nichts kommt, gar nicht so schrecklich. Aber davon zu unterscheiden ist die Krise: „Es geht hier auf dieser schönen Erde zu Ende. Ich habe vielleicht einen Teil meines Lebens nicht gelebt, der in mir leben wollte.“ Das ist erst mal ganz bitter. Danach stellt sich die Frage, was danach kommt. Ich fände es schlimm, wenn Menschen so leben, dass sie denken: „Am Ende kommt nichts mehr, und das ist schrecklich.“

Scheint nicht ein relativ großer Teil der Menschen hierzulande mit dieser Sichtweise zu leben?

Da bin ich ein bisschen überfragt. Ich denke aber, Religion unterschiedlicher Art ist für viele Menschen ein Thema. Aber dass jemand davon überzeugt ist, dass am Ende wirklich nichts mehr kommt – ich weiß nicht, wie viele Leute das denken. Es würde mich interessieren, was diese Weltsicht emotional bedeutet. Ich bin neugierig bezüglich der Frage, was Menschen über Leben und Tod denken. Ich persönlich glaube, dass am Ende die Barmherzigkeit Gottes steht, und dass die größer ist, als wir uns das vorstellen können.

Wie werden Sie persönlich damit umgehen, wenn ein Großteil ihrer Arbeit aus der Begleitung von Sterbenden besteht?

Natürlich habe ich auch in meinem Gemeindealltag Beerdigungen gemacht und zum Teil auch Menschen beim Sterben begleitet. Ich finde, dass die Sterbephase eine ganz große Chance ist.

Für wen?

Für die Sterbenden und die Angehörigen. Eine Chance dafür, dass Beziehungen heil werden können. Dass man Menschen noch einmal seine Liebe aussprechen und sich bedanken kann, dass man sich bewusst verabschieden kann. Die Sterbezeit kann eine ganz gute Zeit sein. Man kann in Frieden gehen und gut sterben. Meine Ressource, wie ich damit umgehe, ist, dass ich bete. Dass ich mit Gott in Kontakt trete, ihn um Kraft bitte und ihm auch Situationen anvertraue, die mir nahegehen.

Als Gemeindepfarrerin konnten Sie lange währende Verbindungen aufbauen. Wird Ihnen das fehlen?

Teils Teils. Manchen Menschen fällt es leichter, Vertrauen aufzubauen, wenn sie wissen, dass sie die andere Person nur ein paar Tage lang sehen. Und mich freut es, wenn Menschen das Vertrauen haben und sich öffnen. Das erlebe ich als ganz großen Reichtum meiner Arbeit.

Sie werden am Sonntag in der Kirchengemeinde Bonlanden vorgestellt. Welche Botschaft wollen Sie dabei per Livestream vermitteln?

Ich habe einen Predigttext, der Menschen in ganz schwierigen Situationen zuspricht: Ihr seid Kinder des Lichts. Ihr gehört zu Gott und habt eine Perspektive, die auch in einer schwierigen Zeit tragen kann.

Das Gespräch führte Michael Werner.

Das Interview erschien am Samstag, 7. November in der Filder-Zeitung. Vielen Dank, dass wir es veröffentlichen dürfen!